Geschichten - die eine dieser Welt


  • Käte und Emmi


    Neulich beim Staubwischen entnahm ich ein Buch und mir fiel ein Foto vor die Füße, eine Aufnahme, welche ich ungefähr vor 10 Jahren gemacht habe. Auf ihr zu sehen sind zwei alte Damen, die in schönster Eintracht nebeneinander sitzend in die Kamera lächeln. Ich betrachte dieses Bild. Beide sehen mich mit gütigem Blick aus zartrunzeligen Gesichtern an, um das Haupt die unvermeidliche, jedoch in Ehren ergraute Dauerwelle ihrer 30iger Jahre Frisuren, welche sie seitdem nie wieder abgelegt hatten. Ein bißchen meine ich, den Schalk in ihren Augen zu entdecken und ich höre ihre Stimmen wieder: „Hey, Emma, wat machst ‘de den so lange, setz’ den Kaffee endlich uff, unsere Kleene is doch heute wieda zu Besuch!“ - und ich sehe dabei in meiner Erinnerung ihr Lächeln vor mir. Unwillkürlich muß ich schmunzeln, das waren schon zwei! Die besten Ersatzomas auf der ganzen Welt! Und erst jetzt wird mir klar, wieviel sie mir doch bedeutet und wie sehr sie mich mit ihren Erzählungen, ihrem sprühenden, auftrumpfenden Temperament, geprägt haben - Käte und Emmi. Wenn auf jemanden ‘Berliner Herz und Schnauze’ zutraf, dann waren es diese beiden.


    Seit jahrzehnten wohnten sie Tür an Tür in einem schmalen, altberliner Mietshaus. Die Treppenstufen knarrten, das Geländer war aus glattpoliertem Holz und im Hausflur roch es immer nach Bohnerwachs. Die Fenster des Treppenhauses ließen noch Spuren von Jugendstilelementen zu erkennen, hoch an der Decke prangten Stuckrosetten. Alles hatten sie in diesem Haus mitgemacht, Machtergreifung der Nationalsozialisten, 2. Weltkrieg, die schwere Zeit nach ‘45 , ihr behütetes Rentnerinnendasein im ‘hurra-optimistischen Sozialismus’, die Wende und die damit verbundenen, nicht immer einfach zu verstehenen gesellschaftlichen Umbruchprozesse, schließlich ihr gemeinsames, beschauliches Seniorenleben bis in die späten 90er.


    Es war schon ein Ritual, daß ich sie als Schulkind einmal in der Woche besuchte. Ich nahm immer zwei Stufen auf einmal und sprang die Treppe hoch in meiner kindlichen Vorfreude. Zuerst klingelte ich bei Tante Kätchen, wie ich sie gerne nannte. Der Kaffe dampfte immer schon in der Kanne und sie empfing mich jedesmal mit einer herzlichen Umarmung. Dann wurde heftig an die Wohnzimmerwand geklopft, um Tante Emmi das Zeichen zu geben, daß sie rüberkommen kann. „Hier jibt’s Kaffee, keen Muckefuck“ - plärrte ihr Tante Kätchen jedesmal freudig entgegen. Womit sie bedeutete, daß es den guten Bohnenkaffe gab und nicht irgendeine Malzkaffemischung. „Und ick hab den Kuchen dabei“, rief Emmi fröhlich aus. So konnte unser gemütlicher Nachmittag seinen Lauf nehmen. Beide weihten mich ein in Würfelspiele, wie z.B. „Lange Straße“ und „Ratte“ sowie in die Freuden des Dominospiels, eine mir bis dahin völlig unbekannte Form des Zeitvertreibs. Wir hatten jede Menge Spaß dabei. Heftig wurde gewürfelt, gesetzt und aufgeschrieben. Sie sparten beide nicht mit übermütigen Bemerkungen, wie „Emma, paß uff, jetzt komm icke!“ oder „Na Käte, nun mach ‘ma hinne, Mensch, sonst schlafn’ wa noch ein!“ . Ihre grobe Innigkeit untereinander beeindruckte mich tief. Was barsch klang, war in Wirklichkeit höchster Respekt und Achtung voreinander, die mit den Jahren und den Höhen und Tiefen, welche sie gemeinsam durchlebten, in tiefe Freunschaft mündete. Sie waren sich selbst viel näher, als ihren eigenen Familienangehörigen es ihnen später jemals waren.


    So wurden beide für mich die liebsten ‚Ersatzomas’. Als Kind verbrachte ich oft einige Ferientage dort und genoß es , in einer sozusagen fast verbotsfreien Zone meinen Spielen nachzugehen und jedesmal meinen Lieblingspudding serviert zu bekommen. Es war schön, wie beide mich betuttelten, immer für mich da waren und oft genug für meine Wehwechen gute Ratschläge parat hattten. Meine Puppen erhielten eine Komplettausstattung gestrickter und gehäkelter Kleidchen zum wechseln. Für meine Bücher schenkten sie mir gestickte Lesezeichen. Ich wurde größer und meine Besuche waren nicht mehr so häufig bei Ihnen, reduzierten sich schließlich auf alle 14 Tage. Aber auch später freute ich mich immer darauf. Und in dem altbekannten Treppenhaus, wenn ich die Augen schloß und den Bohnerwachsduft tief einatmete, dann konnte ich mir ein Stück meiner Kindheit bewahren und sprang übermütig die Treppen hoch, wie als kleines Mädchen. Der gemeinsame Kaffeeklatsch war auch gleichzeitig gute Gelegenheit, alle Ereignisse zu besprechen, Neuigkeiten zu kommentieren und auch psychologischen Beistand zu leisten, wenn er nötig war.. So trösteten mich beide bei meinem ersten Liebeskummer: „Laß man, Kleene. Wenn’a Dich liebt, dann kommt da och zurück. Wenn nich, dann isser ‘n Schuft und keenen Pfifferling wert! „ - meinte Kätchen. „Ja, jenau, dem brauchst ‘de dann keene Träne nachzuweenen...“ pflichtete ihr Emmi bei. Dann lachten wir alle drei schallend und ich fühlte mich gleich viel besser.


    Es vergingen die Jahre, ich zog weit weg und kam nur dann und wann zu ihren Geburtstagen zu Besuch. Jedesmal gab’s ein großes, freudiges Hallo und innige Umarmungen. Mir entging nicht, daß beide zuerst fast unmerklich, dann aber ganz offensichtlich, in ihrer physischen Gesundheit abzubauen begannen. Es fiel mir schwer und schwerer, von ihnen Abschied zu nehmen auf ungewisse Zeit, da ich nicht wußte, wie es ihnen beim nächsten Besuch gehen, wie ich sie dann vorfinden würde. Dann kam zuerst Tante Emmi ins Heim, sie erblindete und hörte nur noch sehr schwer, war schließlich nicht mehr in der Lage, sich selbst zu versorgen. Der Verlust des Augenlichtes traf sie besonders hart, da sie keine Handarbeiten mehr machen konnte. Als ich sie dort besuchte und sie mich noch erkannte, meinte sie „ Ach, Kleene, det iss nischt mehr! Ick kann ja nich mehr knibbeln. Det is nischt, wenn man nich mehr kiecken kann!“ Ich hielt nur ihre Hand und wußte nichts darauf zu sagen. Bei meinem letzten Besuch erkannte sie mich nicht mehr, rief mir fragend einen Namen aus ihrer Verwandschaft entgegen. Als ich zögerte spürte sie unweigerlich, das etwas nicht stimmte und sie brabbelte vor sich hin „Ach, Mensch! Ick krieje überhaupt nischt mehr mit“.


    Käte folgte ihr kurz darauf ins Heim, sie fühlte sich wie ein ‘amputierter siamesischer Zwilling’ ohne ihre Emma. Leider konnten sie nicht das gleiche Zimmer teilen, aber sie wohnten Tür an Tür wie früher. Käte wurde apatisch und lag nur noch im Bett, starrte an die Zimmerdecke. Einmal brachte ich ihr ihren Lieblingsjoghurt und fütterte sie. Kaffee trinken konnte sie schon längst nicht mehr. Als wir so dabei waren, hielt sie auf einmal inne und gab mir ein Zeichen, daß ich mich zu ihr hinunter beugen sollte. dann flüsterte sie mir zu : „Weeßte, dit is nich mehr dit selbe, wie als wa noch unsern Kaffee zusammen jetrunken haben.“ Ich nickte und sagte ihr, „ja, dit war imma schön“! Und sie lächelte, bevor sie wieder in Apathie verfiel. Käte überlebte Emmi um 2 Jahre.


    Die knorrige Stimme von Tante Kätchen und das glockenhelle Lachen von Tante Emmi werden mir noch lange im Ohr klingen. Sie fehlen mir, verdammt, sie fehlen mir sehr! Und betrete ich heute in irgendeiner Stadt das Treppenhaus eines alten Jugendstilgebäudes, in dem mir ähnlicher Bohnenwachsduft entgegenströmt, die Stufen knarren und sich das Geländer aus gedrechseltem Holz hochwindet – dann denke ich an Sie ganz fest.



    Leider kann ich ihnen kein steinernes Denkmal setzen, aber vielleicht gelingt es mir auf diese Weise.